Der David von Michelangelo wurde aus einem Block Marmor gefertigt. Die Skulptur wurde freigelegt indem er überflüssigen Stein entfernt hat. Darunter kam dann sein Meisterwerk zum Vorschein.

TIMES NEWER ROMAN

Die Schriftart Times New Roman ist ein klassische Serifenschrift, die in vielen Produkten von Microsoft häufig als Standard verwendet wird. Die in 2018 geschaffene Kopie Times Newer Roman unterscheidet sich in einem wichtigen Merkmal: Sie braucht 15 % mehr Platz. Eine zehn Seiten lange Ausarbeitung kann also auf 11,5 Seiten anwachsen. Oder eben nur noch 8,5 Seiten benötigen.

In der Schule und auch im Studium war ich stets jemand der am unteren Limit arbeitete. Zugegeben, der Hauptgrund dafür war, dass ich faul bin. Der andere Grund war aber, dass ich schon damals mit weniger Worten mehr ausdrücken konnte. Mindestlängen sind damals wie heute eine Standardmetrik zum Setzen von Rahmenbedingungen. Analog wie Digital. In Schule, Studium und Beruf.

Leider führt dies zu einer schlechten Angewohnheit: Wir strecken unsere Texte. Vielleicht hättest du deine Abschlussarbeit auch in weniger Worte fassen können. Aber schulisches wie akademisches Schreiben bringen uns lange Sätze und noch längere Texte bei. Beim Lesen wie beim Schreiben.

QUANTITÄT UND QUALITÄT STEHEN IN KEINER BEZIEHUNG

Ja, das ist eine tolle Idee. Aber muss deine Präsentation wirklich 30 Folien mit jeweils 200 Wörtern enthalten? Wieso kannst du den Standpunkt in deiner E-Mail nicht in weniger Sätze fassen? Und: Ein guter Blogartikel hat nicht durchschnittlich 1.800 Wörter, weil wir alle gerne viel lesen und schreiben. Tun wir nämlich nicht. Es wird dir also nichts bringen eigene Artikel mit der gleichen Anzahl Wörter zu verfassen. Der Inhalt gibt die Länge vor.

Frage dich beim Lesen deines nächsten Sachbuchs einfach mal: Hat es all diese Wörter und Informationen gebraucht? Oder lässt sich die Kernaussage samt begleitender Geschichten, häufiger Fragen und den wichtigsten Perspektiven nicht vielleicht mit 200 Seiten weniger ausdrücken. Und dann frag dich: Hättest du das Buch gekauft, wenn es nur 100 statt 300 Seiten hat?

GUTER TEXT IST EINE REDUKTION

Wenn du das nächste Mal einen Entwurf vor dir hast, den du als fertig erachtest, dann frage dich was du noch entfernen kannst. Stephen King nennt das „Töte deine Lieblinge“. Sei unbarmherzig und kritisch. Muss der Empfänger das wirklich alles lesen? Sind all diese Wörter und Informationen essenziell?

Stell dir vor du kochst eine Soße. Zusammen mit den eigentlichen Zutaten gibst du Wasser hinzu. Der Geschmack kann sich jetzt entfalten. Doch es geht auch darum das Wasser wieder zu reduzieren. Dein erster Entwurf hat ein größeres Volumen als das Endergebnis. Natürlich schmeckt das Resultat besser. Es ist konzentrierter.

EINFACH UND ZUGÄNGLICH

Ginge es nur darum Wörter zu entfernen, wäre es simpel. Streiche einfach deine Einleitung. Kürze dein Schlusswort. Nimm die Umschreibung weg. Das ist aber nicht das Ziel. Deinem Leser würde etwas fehlen. Jeder Text führt den Leser von einen Punkt A an einen Punkt B. Die ersten Meter am Punkt A abzuschneiden oder die letzten Schritte vor Punkt B zu entfernen zerstört den Weg. Es erzeugt Risse in der Kontur deines Werks.

Die Perfektion liegt darin auch mit weniger Worten den Text einfach und zugänglich zu gestalten. Wie ein Produkt, welches sich ohne Bedienungsanleitung aus der Packung nehmen und benutzen lässt.